Zweites Vatikanisches Konzil – Auswirkungen auf Kirche und Gesellschaft


Vortrag DDr. Helmut KRÄTZL, em. Weihbischof der Erzdiözese Wien

Weihbischof Krätzl war1962 in der ersten Session Konzilsstenograph und konnte daher das Zweite Vatikanische Konzil in der Konzilsaula selbst mit verfolgen. Beim Ennstaler Kreis sprach er über bereits umgesetzte Reformen sowie auch noch nicht eingelöste Reformen und über den neuen Papst Franziskus.

Weihbischof Krätzl beschrieb eingangs kurz wie sich Kirche und Gesellschaft in den Jahren vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil darstellten. Unter Papst Pius XII. entwickelte sich die Kirche zu einer streng hierarchischen und zentralistisch geführten Institution. Auf der gesellschaftlichen Seite war der Wiederaufbau Europas hauptsächlich von katholischen Politikern getragen, wie Adenauer, Schuman, Degasperi oder Raab, Figl und Hurdes. Das erhöhte noch einmal die Macht und den Einfluss der Kirche. Gleichzeitig drängte eine heraufkommende Moderne nach Erneuerungen, auch innerhalb der Kirche.

Der Nachfolger von Pius XII., Johannes XXIII. spürte die Notwendigkeit der Erneuerung und entschied sich aus diesem Grund das Zweite Vatikanische Konzil einzuberufen. Johannes XXIII. stand damals gemeinsam mit US Präsident John F. Kennedy für neue Hoffnung. Es gab eine sehr große Aufbruchsstimmung.

Während des weiteren Vortrags diskutierte Weihbischof Krätzl wie die Beschlüsse des zweiten Vatikanischen Konzils Kirche und Gesellschaft veränderten:

  • Statt einer einseitig hierarchisch gesehenen Kirche eine Kirche aller Getauften. Laien und Klerus tragen gemeinsam Verantwortung für die Kirche und die Welt.
  • Impulse für die Ökumene: im Dekret über den Ökumenismus spricht sich die Katholische Kirche für eine Förderung der Einheit der Christen aus. Damit dieses Ziel erreicht werden kann, führt die katholische Kirche auf nationaler und internationaler Ebene eine Vielzahl von Dialogen mit den verschiedenen christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften.
  • Religionsfreiheit: Eines der zentralen Dokument e des zweiten Vatikanischen Konzils war „Dignitatis humanae“. Vor dem Konzil galt, dass „die Wahrheit ihr Recht hat“ und es somit keine Religionsfreiheit geben könne. Das neue Verständnis spricht dem Menschen in seiner Würde zu, jeweils nach seinem Gewissen eine Religion auszuüben.
  • Liturgiereform: Weihbischof Krätzl hob die Bedeutung dieser Entscheidung hervor, die über Sprache und Volksaltar hinausgeht. Die Liturgie ist nicht allein eine Feier der Priester, sondern eine Feier des Volkes, da Kirche das Volk Gottes ist.

In seinen weiteren Ausführungen sprach Weihbischof Krätzl über essentielle bevorstehende Reformen die es einzulösen gilt, damit die Kirche noch stärker der Sauerteig ist, der die Menschheit durchsäuert:

  • Liturgiereform: die Bestrebungen des zweiten Vatikanischen Konzils müssten unbedingt weitergeführt werden. Die Kirche müsse überdenken, warum in liturgischen Fragen immer noch alle Letztentscheidungen bei Rom liegen müssen. Weihbischof Krätzl würde hier gerne mehr Kompetenzen für die regionalen Bischofskonferenzen sehen, da die Liturgie damit besser auf den jeweiligen Kulturkreis abgestimmt werden könnte.
  • Ehefragen: Die Kirche müsse wieder eine aktivere Rolle in der Frage der Ehe einnehmen. Durch die Einengung des Prinzips „verantwortete Elternschaft“ durch die Enzyklika Humanae vitae auf die sog. natürliche Methode hat die Kirche viel an Glaubwürdigkeit verloren. Fragen der Empfängnisverhütung oder die Pastoral an wiederverheirateten Geschiedenen müssten weitergedacht werden.
  • Akzente des neuen Papstes Franziskus: Stärkung der Kollegialität der Bischöfe mit dem Papst, sowie das Bekenntnis eine Kirche für das Volk zu sein, besonders für die Armen. „Es geht nicht um die Kirche, sondern um den Dienst der Kirche an der Welt sowie um die Einheit der christlichen Kirchen.“