Islamischer Glaube und europäische Identität – ein Widerspruch?


Univ.-Prof. Dr. Ednan ASLAN

Dr. Aslan wurde in Ostanatolien geboren und zog im Alter von zwei Jahren nach Istanbul. Er betonte den kulturellen Unterschied zwischen den zwei türkischen Regionen der „mindestens so groß wie der zwischen Österreich und der Türkei“ sei. Seit 1980 lebt er in Deutschland und Österreich und studierte Sozialpädagogik und Politikwissenschaft in Esslingen, Tübingen, Stuttgart, Wien und Chicago.
2006 wurde er schließlich Professor für islamische Religionspädagogik an der Universität Wien.

Laut Aslan stellt die Definition einer europäischen sowie einer muslimisch, theologischen Identität die wichtigste Frage dar.
Auch der Umgang von Muslimen mit europäischen Werten muss analysiert werden.

Interessanterweise wird die europäische Identität meistens durch das Christentum definiert obwohl die EU religiös ungebunden ist. Nichtsdestotrotz prägt die christliche Ethik die europäischen Staaten.
Für eine gemeinsame europäische Identität fehlen allerdings identitätsstiftende Merkmale wie eine gemeinsame Sprache, Fußballmannschaft oder ähnliches. Spannendes Faktum am Rande ist, dass sich die Nettozahler weit weniger mit Europa identifizieren, als die Nettoempfänger. Allerdings fällt auf, dass die Identifikation mit Europa den Muslimen leichter fällt, als die Identifikation mit dem Nationalstaat.
Sie schätzen zwar die europäischen Werte, diese Wertschätzung nimmt aber nach der erfolgten Einwanderung stark ab.

Auch die muslimischen Identitäten sind sehr unterschiedlich. Türkisch geprägter Islam unterscheidet sich z.B. radikal vom arabischen, sowohl in der Islamdarstellung, im Aufbau der Moscheen, wie auch in den Schulen und Geschäften. Das stellt natürlich besondere Anforderungen an den Schulunterricht und die Migrationspolitik.

Muslime haben oft historisch bedingte Probleme mit einer säkularen Gesellschaft. Besonders von türkischen Muslimen wird Säkularismus oft mit einem Diktat des Staates in Verbindung gebracht. Viele religiöse Autoritäten sehen den Staat daher als Gefahr. Die islamische (Gottes-) Staatsidee ist allerdings eine moderne Erscheinung und hat keinerlei Wurzeln im Koran.

Der Islam muss für Europa neu definiert werden und auch mit dieser Definition international argumentieren. In den Herkunftsländern sind viele theologische Entscheidungen, z.B. die des Halal-Verkaufs,mit politischen und wirtschaftlichen Fragen verknüpft. Viele Organisationen scheuen den Dialog und suchen nach theologischen Argumenten um diesem dadurch zu entgehen. Muslime müssen daher lernen, Religion als laufenden Prozess zu verstehen.
Des Weiteren müssen sie unsere europäischen Werte in ihrer eigenen Theologie finden. Dafür benötigen sie mehr demokratische Erfahrungen um sich damit zu identifizieren. Daher ist auch die Ausbildung der Imame in Österreich dringend notwendig. Europäischer Islam muss aktiv erschaffen werden.