Herausforderung eines Premium-Automobilherstellers (Mercedes-Benz Cars)


Vortrag von Dr. Wolfgang Bernhard, Mitglied des Vorstandes der Daimler AG
11. Oktober 2011

Zusammengefasst von Grudrun Ragossnig, Andreas Gémes

Der Vortrag von Dr. Bernhard stand unter dem Motto – „Die Herausforderungen von heute – Möglichkeiten und Chancen für Mercedes“. Damit griff Dr. Bernhard auch die Sorgen der gesamten Automobil-Industrie auf: Mercedes blickt im Jahr 2011 auf eine 150 jährige Firmengeschichte zurück, gehört heute zu den größten Anbietern von Premium-Pkws und ist der größte weltweit aufgestellte Nutzfahrzeug-Hersteller.

Dr. Wolfgang Bernhard ist seit 2010 Vorstandsmitglied der Daimler AG und im Unternehmen für Produktion und Einkauf von Mercedes-Benz Cars & Mercedes-Benz Vans zuständig. Er absolvierte ein Wirtschaftsingenieursstudium an der Technischen Hochschule Darmstadt mit Spezialisierung in Elektrotechnik. Zusätzlich studierte er an der Columbia University in New York, graduierte dort zum „Master of Business Administration“ und promovierte in Frankfurt über Internationale Wechselkursrisiken. Schon im Jahre 1994 trat Dr. Bernhard in die damalige Mercedes-Benz AG ein und hat somit maßgeblich die Geschicke des Unternehmens miterlebt und beeinflusst.

In seinem Vortrag ging Dr. Bernhard in fünf Thesen auf die Herausforderungen und Chancen der weiteren Entwicklung von Mercedes ein.

1. These

Seit 2005 befindet sich der Premium Fahrzeugbereich wieder in einer Wachstumsphase. Dieses Wachstum vollzieht sich aber nicht in der Triade (Europa, USA und Japan) sondern in den sogenannten Schwellenländern. Insbesondere in China wird das Auto mit Leben, Freiheit und Unabhängigkeit assoziiert. Es wird immer mehr Ausdruck der eigenen Individualität, des persönlichen Erfolgs und somit eine Möglichkeit der sozialen Differenzierung. In den letzten fünf Jahren hat sich der Absatz in China in der Mercedes S-Klasse verzehnfacht und im Jahre 2010 gehörte China damit zum drittgrößten Markt weltweit.

Dennoch setzt Mercedes auf eine ausgewogene Absatzstruktur – China wird große Wichtigkeit beigemessen, aber Mercedes möchte keinem „Chinahype“ verfallen. Somit hat sich China zum vierten Graviationszentrum neben Europa, USA und Japan entwickelt.

2. These

Die Zukunft gehört weiterhin der Internationalität. Dies gilt nicht nur für den Absatz, sondern auch für die Produktion. Die Produktion der Fahrzeuge kann nicht mehr nur in Deutschland durchgeführt werden, sondern wird verstärkt ins Ausland verlagert werden. Die Frage stellt sich daher, wie man „deutsche Ingenieurskunst“ und deren Qualitätsstandards im Ausland sicherstellen kann. Das Ziel ist es, dass „Made by Mercedes“ das Qualitätssiegel „Made in Germany“ ersetzen soll. Schon jetzt wird beispielsweise ein Werk u. a. in Südafrika mit großem Erfolg betrieben. Um den Transfer von technischem Fachwissen, Arbeitsdisziplin und Qualität zu gewährleisten, gibt es eine enge Kooperation zwischen jedem Werk im Ausland mit seinem sogenannten Leadwerk in Deutschland. Dieses Leadwerk ist für Ausbildung, Qualitätssicherung, etc. zuständig.

3. These

Zu einer der größten Herausforderungen der Zukunft gehören die volatilen Rohstoffpreise. Die Rohstoffpreise sind massiv gestiegen, wohingegen die Rohstoffnachfrage gleich geblieben ist. Hauptverursacher dieses Phänomens sind Investoren und Oligopole, die Rohstoffmärkte als Spielfeld benutzen. An dieser Stelle zeigen sich auch die Auswirkungen der Turbulenzen der Finanzwirtschaft auf die Realwirtschaft. Obwohl es nicht weniger Rohstoffe gibt als vorher, wird es in Zukunft immer wieder zu strategischen Engpässen der Rohstoffe kommen. Dies vor allem auch deshalb, weil der Rohstoffbedarf der Chinesen, vor allem nach Kupfer, Aluminium und Stahl enorm ist.

4. These

Die Neuerfindung des Autos steht bevor. Es wird zu einer Individualisierung und Differenzierung der Premium-Autos kommen. Die „one size fits all“ – Lösungen gehören der Vergangenheit an und das „Auto der Zukunft“ wird ein anwenderfreundliches und nutzerbezogenes Auto sein. Früher war Sicherheit ein Luxus, der heute Standard ist. Beim Auto der Zukunft bedeutet Luxus insbesondere ein Mehr an Funktionalität und eine Entlastung des Fahrers.

Die Entwicklung des Luxus-Segments entfernt sich deutlich von der Business Limousine mit edlem Holz, Leder und Chrom. Das Auto wird zu einer Wellnesszone, denn es soll entspannen und nicht fordern. Es soll einfach und funktionell sein. Der von der Reizüberflutung in den Städten gestresste Mensch des 21. Jahrhunderts möchte sich in seinem Auto entspannen – daher soll das Auto alle Sinne ansprechen, „eine Symphonie der Sinne“ mit eleganten Formen und Funktionalität bieten. Dieses Auto wird sich durch einen effizienten Verbrauch auszeichnen, wahrscheinlich elektrisch oder teilelektrisch betrieben sein und trotzdem Spaß machen.

5. These

Eine wesentliche Herausforderung ist die Vereinbarkeit der Massenautomobilisierung mit ökologischer Verantwortung. Es wird hier von Mercedes nicht eine einzelne Lösung angestrebt, sondern drei parallel existierende Modelle, die an den jeweiligen Verwendungszweck des Autos angepasst sind:

  1. Auto mit effizienterem Verbrennungsmotor
  2. Teilelektrisches Auto (Hybride)
  3. Voll elektrisch betriebenes Auto, ausgestattet mit Wasserstoff/Brennstoffzellen

Diese drei Modelle sind für drei verschiedene Anwendungsbereiche gedacht. Das vollelektrische Auto soll vor allem im Stadtverkehr verwendet werden. Im regionalen Bereich soll das teilelektrische Auto zur Anwendung kommen und für den überregionalen Verkehr das erste Modell eingesetzt werden. Nach Einschätzungen von Herrn Dr. Bernhard werden im Jahre 2030 zwei von drei Autos mit elektrischem Antrieb ausgestattet sein.

Eine wichtige Botschaft lautet in diesem Zusammenhang, dass „nachhaltig“ nicht gleich langweilig sein muss. Nachhaltige Mobilität soll „emissionslos aber nicht emotionslos“ sein.