Die Zeit ist aus den Fugen


Vortrag von Dr. Hannes Androsch, Vizekanzler und Bundesminister a. D.

Zusammengefasst von Bettina T. Kölbl-Resl

Mit diesem Zitat von Shakespeare’s Hamlet eröffnete Dr. Hannes Androsch, ehem. Bundesminister für Finanzen, Vizekanzler und Generaldirektor der Creditanstalt Bankverein, seinen Vortrag beim diesjährigen Herbsttreffen des Ennstaler Kreises in der verschneiten Ramsau.

Sein interessantes Referat über die brennenden Themen unserer Zeit, das dennoch sehr kurzweilig war, wurde von Dr. Bernd Schilcher mit einem Zitat des ehemals beliebtesten Finanzministers amüsant einbegleitet. „Wer lacht, hat mehr vom zahlen!“

Zur aktuellen Lage meinte Dr. Androsch, diese sei ernst, aber nicht hoffnungslos, was ihn allerdings nachdenklich stimme, ist die Einstellung der Österreicherinnen und Österreicher, dass „eh alles nicht so schlimm sei“ und „warum man denn überhaupt etwas ändern solle“. Diese trügerische Stimmung in der österreichischen Bevölkerung ist für ihn einmal mehr ein wichtiger Grund – quasi am Vorabend des von ihm und Bernd Schilcher initiierten Bildungsvolksbegehrens – energisch darauf hinzuweisen, dass gerade in der Bildungspolitik Taten statt bloße Lippenbekenntnisse besonders dringlich notwendig sind, weil Bildung als immer wichtiger werdender Rohstoff für ein beruflich wie persönlich erfolgreiches und erfülltes Leben jedes einzelnen, aber auch ganzer Volkswirtschaften immer wichtiger wird. Ein modernes Bildungssystem, das den gesellschaftlichen Veränderungen Rechnung trägt und größtmögliche Chancengleichheit bietet, ist daher eine Notwendigkeit, wenn wir unsere Wettbewerbsfähigkeit im europäischen und globalen Umfeld weiterhin behaupten und damit unseren Wohlstand und unsere soziale Sicherheit im 21. Jahrhundert nicht verlieren möchten.

Androsch betonte, er sein sich dessen bewusst, dass die Vorhersehbarkeit von Ereignissen und schwieriger geworden sei, da das Tempo, in dem sich Österreich „in die Zeit von morgen“ fortbewegt und auch fortbewegen muss, durch die Globalisierung im allgemeinen und die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien im besonderen eine enorme Beschleunigung erfahren hat. Der hektische Aktionismus in der Eurokrise, die eigentlich eine Schuldenkrise der öffentlichen Haushalte ist, vermittelt allerdings eine erschreckende Orientierungslosigkeit und daher darf auch nicht verwundern, dass der Vertrauensverlust in die Politik so groß geworden ist.

Die derzeitige Krise lässt auch die wirklichen Herausforderungen unserer Zeit in den Hintergrund treten: der rasante Anstieg der Weltbevölkerung auf mittlerweile sieben Milliarden Menschen, die demografische Entwicklung aufgrund einer immer älter werdenden Bevölkerung vor allem in den Industriestaaten, die Bereitstellung von ausreichenden Nahrungsmitteln und sauberem Wasser für immer mehr Menschen und die Veränderung des Klimas sowie die Bekämpfung von neuen Seuchen und des internationalen Terrorismus, um nur einige der großen Problemstellungen anzuführen, die für ihre Lösung eine vermehrte globale Zusammenarbeit erfordern. Dies gilt auch für die Befriedung politischer Krisenherde, die Eindämmung der internationalen Kriminalität, aber auch die Auswirkungen der von politischen Umwälzungen auf das Weltgeschehen, wie wir sie gerade in der arabischen Welt miterleben. Der Arabische Frühling hat alle politischen Beobachter überrascht, so wie auch das Ende der Sowjetunion vor mittlerweile 20 Jahren. Wie schnell sich unser Leben inzwischen dreht, verdeutlichen nicht nur neue Technologien mit ihren gravierenden Auswirkungen nicht nur auf Politik und Wirtschaft, sondern auch unser Alltagsleben. Zu glauben, dass wir in unserer selbstgeschaffenen Idylle sorglos weiterhin unser Dasein bestreiten können und uns alle diese Entwicklungen nichts angehen, bezeichnete Androsch als einen höchst gefährlichen Irrtum. Dies gilt auch für Überlegungen über den Zerfall der Eurozone, da dies unweigerlich ein Desaster mit schwerwiegenden wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen nach sich ziehen würde, von denen sich Europa nur schwer und erst nach langer Zeit wieder erholen könnte.

Androsch zeigte auf, dass die europäische Integration eine Erfolgsstory ist, die Europa nach den beiden Weltkriegen Frieden und Wohlstand brachte und dass es der logischen Konsequenz eines gemeinsamen Markts entsprach, auch eine gemeinsame Währung einzuführen. Diese erfordert allerdings auch ein Mindestmaß an einer gemeinsamen Finanz- und Wirtschaftspolitik. Diese ist zur Überwindung der derzeitigen Krise ebenso unumgänglich wie die Korrektur der Überschuldung der öffentlichen Haushalte, die nach dem Prinzip erfolgen müsse, sparen, wo notwendig – also vor allem durch die Beseitigung von Verschwendung und Überbürokratisierung – und in die Zukunft investieren, wo möglich, also in Bildung, Wissenschaft, Forschung, Innovationen und eine hochmoderne Infrastruktur.

Abschließend richtete Dr. Androsch noch einen Appell an die Politik: „Politik muss mehr sein als Verwaltung des Mangels. Politik hat die Verpflichtung, zu informieren, zu kommunizieren, aber auch Leadership zu zeigen!